72 Stunden Frieden
Knapp fünf Monate, seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs Anfang August 1914, hatten Briten, Franzosen und Belgier gemeinsam Nordfrankreich und Belgien gegen das Reichsheer Kaiser Wilhelms II. verteidigt. Weihnachten, das hatten die Generäle beider Seiten ihren Soldaten bei Kampfbeginn versprochen, sollten alle wieder zu Hause sein. Als das Fest kam, waren allein an der Westfront über eine Million Waffenträger tot oder verwundet – und ein Ende des Schlachtens war nicht absehbar.
23. Dezember 1914
18.44
Leutnant Heinrich Peters spähte aus dem Schützengraben hinaus. Vorsichtig, und immer auf der Hut. Eigentlich war das Licht der Dämmerung jetzt auf ihrer Seite, doch die feindlichen Heckenschützen waren immer noch da. Das spürte er. Der Lauf ihrer Gewehre war immer auf der hungrigen Suche nach einem Ziel was unvorsichtig genug war in ihr Revier einzudringen. Er wollte kein Risiko eingehen. Er verzog sein Gesicht. Risiko. Als wenn es so etwas in diesem Krieg gab. Entweder man krepierte elendig an den Seuchen, die hier zu Hause -im Schützengraben, waren. Wundbrand, Fußbrand oder durch die Nässe die einem unaufhörlich durch die klammen Sachen kroch, immer auf der Suche nach einem Eingang zur Seele, um diese mit einer tödlichen Umarmung zu versehen. Vielleicht starb man aber auch an der Zukunft selbst, an einem tödlichen Zivilisationsgeschenk wie eines dieser Maschinengewehre die unaufhörlich den Tod ausspuckten, oder den donnernden Stahlkolossen die unaufhörlich ihren Weg durch Schlamm und Morast bahnten, um den Feind einfach niederzuwalzen. Vielleicht starb man aber auch durch eine Kugel, geschickt von einem donnernden Vogel, den man nicht einmal sah bevor es zu spät war.
Weihnachten seid ihr Zuhause. Wörter die wie Hohn von den dreckigen Wänden der Schützengräben hallten.
Er schaute wieder vorsichtig über den Rand des Grabens. Das Licht wich langsam aus der Welt. Minute um Minute überzog es die Schlachtfelder mit einer zudeckenden Dunkelheit. So als ob man das ganze Elend nicht mehr sehen sollte. Er schaute auf seine Uhr. Es kam ihm vor als würde der große Zeiger für den Endspurt zur vollen Stunde immer mehr beschleunigen. So als könne er es kaum noch erwarten, den Angriff einzuläuten. Noch zehn Minuten und er würde den Befehl zum Angriff geben müssen. Wie an jedem Tag und jedem Abend.
Sein Blick richtete sich nach links und dann nach rechts. Die Männer neben ihm hassten ihn nicht dafür. Das er den Befehl gab, immer und immer wieder. Nun… vielleicht taten sie es doch. Er würde es auch tun. Vielleicht. Die Männer neben ihm schauten nicht nach vorne gerichtet. Sie saßen alle in sich versunken, dachten nach. Frauen, Familie, Kinder und die Heimat.
Noch sechs Minuten.
Gebete drangen leise an sein Ohr. Gerichtet an einen Gott, der trotz aller Botschaften der Menschen nichts unternahm. Peters hatte seinen Glauben fast aufgegeben. Wenn er über die Toten auf dem Schlachtfeld blickte, konnte man einfach nicht mehr glauben. Wie konnte dieser Wahn nur möglich sein?
Jemand ging an ihm vorbei und schlug ihm sanft freundschaftlich auf die Schulter. Er drehte sich um. Es war dieselbe Prozedur, derselbe Ablauf wie an jedem Abend. Der Mann sah ihn an, der Blick streng und nur an sein Handwerk denkend. Die Abzeichen kennzeichneten ihn als Feldwebel. Als seine Stütze. Sein Vollstrecker. Vollstrecker, so wie er auch selbst nur einer war. Peter nickte. Gab sein stillschweigendes Einverständnis für das folgende Geschehen. Jetzt und in diesen Moment sahen die Männer von ihren Gedanken ab und ihre Blicke streiften die seinen. Er sah in ihre Augen und dann langsam wieder in Richtung der Schatten vor ihm.
19.00
Ein Donnern betäubte ihre Ohren. Vielleicht wäre es besser gewesen, hätte es ihre Sinne betäubt. Das Einschlagen der Geschütze auf dem toten, frostigen Boden vor ihnen war das Zeichen.
Der Feldwebel der wenige Meter von ihm entfernt stand drehte sich nach links und rechts und brüllte den Befehl zum Angriff. Er trieb mit seinen rauen Worten den Zug an. Es war als würde die Müdigkeit, die soeben noch herrschte, von den Leuten abgeschüttelt werden. Mit einem Augenblick begann der Schützengraben zu leben und sich zu bewegen. In Richtung der Dunkelheit, in Richtung der donnernden Einschläge des Unterstützungsfeuers. Es war auch sein Zeichen und so umschlossen seine Hände die Pistole noch fester und seine Beine bewegten sich automatisch. Als wäre sie an die donnernden Laute gebunden. In ihrem Rhythmus stolperten seine Beine vorwärts in die Dunkelheit. Doch die wurde nun aufgerissen. Von den Blitzen der Mündungen der Maschinengewehre, die nun durch die Nacht bellten. Tödlich und zerfetzend. Geduckt und gehetzt eilte er von Deckung zu Deckung. Ein paar Mal verließen seine Kehle die müden Parolen des Angriffs. Immer gerichtet an die grauen Gestalten, die um ihn herum ebenfalls nach Deckung suchend nach vorne eilten. Gesichter lösten sich zu konturlosen Schemen auf. Doch auch diese schwanden zusehends aus seiner Wahrnehmung. Seine Augen brannten vom beißenden Qualm und in seine Nase stieg der Geruch von Tod. Meter um Meter wurde der Weg durch Blutzoll bezahlt.
Nach schier endlosen Minuten erreichte sie die tödlichste Linie. Von hier aus wurde der Kampf nur noch von der schieren Verzweiflung um das Überleben getragen. Die Einschläge waren nun nicht mehr vor ihnen, sondern umschlossen sie. Die grellen Blitze der Maschinengewehre zeigten nun ihre unmittelbare Wirkung. Der Krieg spielte sein bekanntestes Konzert. Eine Welle von Geräuschen traf ihn wie einen Schlag und ließ ihn taumeln. Er fiel in eine Senke, einem Krater eines früheren Einschlages. Sein Gesicht fühlte sich warm an und er roch die Erde unter seinem Gesicht. In diesem Moment roch sie für ihn wie die Heimat die er schon längst verloren glaubte. Dunkel und erdig. Es vertrieb für einige Sekunden den Geruch des Todes aus seiner Nase.
Dann zog ihn ein harter Griff nach oben. Heftig. Drehte ihn um und seine Augen schälten ein Gesicht aus der Dunkelheit. Es war der Feldwebel. „Alles in Ordnung“? Seine Stimme klang entfernt doch Peters zog sich an ihr in die Gegenwart zurück. „Ja“, seine Worte klangen nicht als wären es die Seinen. Der Mann über ihm nickte. „Ein paar Meter weiter und der Einschlag hätte nichts mehr von ihnen übrig gelassen. Danken sie ihren Schutzengeln, Leutnant.“
Trotz des Schmerzes in seinen Gliedern wand er sich hoch. Das Leben selbst wich aus zahlreichen, von Splittern entstammenden Wunden aus ihm heraus. Doch auf die blutenden Wunden dürfte er sich jetzt nicht weiter konzentrieren. Sein Blick glitt zu dem Feuerspuckenden Ungeheuer mehrere Meter vor ihm.
Das britische Maschinengewehr war nur wenige Meter vor ihnen und spielte sein Stakkato vom Tod.
„Schalten sie das verdammte Ding aus, Feldwebel!“ Es lag eine gewisse Sinnlosigkeit in seinen eigenen Worten, das wusste er. Doch der Mann neben ihm ließ sich davon nichts anmerken. Er warf einen kurzen Blick wieder in die Richtung des Maschinengewehres, und es antwortet mit seinen grellen Blitzen und ließ die Erde vor ihnen aufwirbeln und bedeckte sie mit der vom Frost feuchten und kalten Erde.
Peters griff zu seinem Gürtel und löste die Handbombe vorsichtig aus ihrer Halterung. Dann löste er den Stift und warf sie auf dem Rücken liegend über den Kopf hinaus zu der feindlichen Stellung. Es war seltsam, dass er zwischen den tausend Explosionen um ihn herum genau die erkannte, für die er selbst die Verantwortung trug. Er drehte sich um so dass er auf dem Bauch lag und stemmte sich vorsichtig nach oben. Sie war noch da und versprühte den Tod immer noch unberührt.
Die Artillerie hatte bereits aufgehört. Er hatte es gar nicht vernommen. Nur noch die Schreie der Verletzten und das Rattern der Maschinengewehre waren zu hören. Kleine Explosionen zeugten davon, dass noch immer gegen die verschiedenen Maschinengewehrnester vorgegangen wurde. Peters deutete dem Feldwebel an, dass es weiterging. Dann stemmte er sich wieder hoch und kroch auf in Richtung des gegnerischen Sperrfeuers.
Es schien ihm als würden Stunden vergehen, in denen er nur noch Zentimeter durch den Schlamm und den Dreck kroch. Der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase. Es roch verkohlt. Der Geruch der Erde und der Nässe war verschwunden. Nur noch Tod konnte man riechen. Sie erreichten die feindlichen Schützengräben und was noch übrig war von den Leuten, die wie es schien, vor so ewig langen Zeiten mit ihm losgelaufen waren verkeilten sich nun in einem Handgemenge mit den feindlichen Soldaten. Bajonett gegen Bajonett. Messer gegen Messer. Faust gegen Faust. Die Maschinengewehre hörten auf ihr Feuer zu speien und das Feuer der Gewehre versammelte sich nun an einem Punkt.
Peters hob seine Pistole und schoss. Immer und immer wieder. Gezielt und manchmal ziellos. Routine und Drill nahmen seine Gewissensbisse. Routine und Drill nahmen ihm den Respekt vor dem Leben. Bis das Klacken des leeren Magazins ihn wieder in die Realität zurückholte. „Was jetzt?“ der Feldwebel tauchte an seiner Seite auf. „Die Briten und Franzmänner haben sich zurückgezogen, nicht weit jedoch, vielleicht 30 Meter zurück zu ihren Linien.“ „Lassen sie die Stellung sichern, und die Verwundeten versorgen.“ Seine Stimme fand zu ihrem festen Ton zurück. Schreie in der Dunkelheit beendeten den Tag.
24. Dezember 1914
10.26
Es war der Tag danach. Ein Tag wie jeder andere. Und doch ein anderer.
Weihnachten. Heiligabend.
Die Sonne stand oben am Himmel. Doch ihre Strahlen vermochten weder die Luft und die Erde zu erwärmen, noch die Feuchtigkeit zu bannen.
Der tägliche Bote brachte Feldpost und die Nachricht vom Generalstab, dass heute am 24. kein Angriff stattfindet.
Es war keine Feuerpause.
Denn die Toten auf dem Schlachtfeld erzählten etwas anders.
Niemand konnte die Toten bergen, denn Heckenschützen auf beiden Seiten standen dem im Weg. Und niemand wagte den ersten Schritt.
16.00
Beisammen.
Sitzend und stehend, aber alle zusammen. Nach einer kleinen Ansprache beginnen wir mit der Menschlichkeit den Krieg für einen Tag auszusperren. Die Ersten beginnen mit den Singen von Weihnachtsliedern. Einige haben es sogar geschafft, einen Weihnachtsbaum herbeizuschaffen. Peters musste lächeln. Er würde nicht ganz so festtäglich geschmückt sein wie sonst. Als Symbol des Festes war er jedoch unersetzbar. Peters atmete tief durch. Weihnachten. Er schloss die Augen.
16.48
„Leutnant!“ Ein aufgeregter Gefreiter erschien, „Sie singen, die Briten sie singen…“.
Für nur einen kurzen Moment dachte er an das Schlimmste, das hätte passieren können. Das ihre gottlosen Feinde diesen Tag ignorierten und angreifen könnten.
Er lief dem Gefreiten hinterher, mit ihm folgten ihm einige der Männer, die ihn gehört hatten.
Dieser führte ihn zu seinem Posten, der das gestrige Ungetüm darstellte. Das Maschinengewehrnest. Doch diesmal blickte es in die andere Richtung. Diesmal würde es für sie den Tod bringen. In ihren Diensten.
Als sie die Anhöhe erklommen hatten, drangen die fernen Geräusche auch an sein Ohr. Vertraute Geräusche. Es waren Weihnachtslieder. Nein, heuten würden sie wohl nicht mehr kämpfen, die Briten und Franzosen und Belgier. Sätze von umstehenden Soldaten drangen an sein Ohr. „Heute haben wir Frieden!“ „Ob sie genauso feiern, wie wir?“ „Hoffentlich bleibt es für immer so…!“ Peters schaute sich um, der Blick der die Soldaten ließ diese zusammenzucken, und sie schwiegen betreten. Dass war nicht seine Absicht. Genug Leid war geschehen. „Feldwebel!“ Er konnte sich immer darauf verlassen, dass wenn er diesen Mann brauchte er auch immer sofort in der Nähe war. In diesem Moment war er sogar noch glücklicher. „Bringen sie mir Tuch, schnell…!“
17.14
Er stieg aus dem Graben. Ein mulmiges Gefühl, jedoch keine Angst. Irgendwie wusste er, dass er heute nicht sterben würde. Nicht heute!
Das Tuch schwenkte er über seinen Kopf.
Er trat ein Schritt voran, und noch einen, und noch einen. Die Männer hinter ihm schwiegen. Ob sie um seine Intentionen wussten oder nicht. Er hörte weder Zustimmung, noch Ablehnung. Aber in ihrem Herzen wusste er um die Zustimmung die er hatte.
Peters war kein Feigling, und doch waren seine Schritte schwer.
Jeden Moment konnte sein Leben und mit ihm seine Hoffnung, seine Träume durch einen Schuss ausgelöscht werden.
Nur wenige Meter, die er gehen musste. Vorbei an den Kratern, den toten Soldaten, an Fetzen und Stümpfen.
Der Abend näherte sich, und mit ihm wieder die Decke der Dunkelheit. Doch vorher würde das Abendrot die Schützengräben in weiche Farben packen, welches einen nichtvorhanden Frieden vorgaukeln würde. Er sah einen Stab, und diesem entrollte sich weißes Tuch, was sich vor ihm auf der anderen Seite hinaus in den Himmel hob und vom Wind zerzaust hin und her schlug. Dies war sein Zeichen.
Er beschleunigte seinen Schritt.
17.24
Er wartete.
Die Blicke der Männer auf dieser Seite schienen ihm von selben Inhalt wie die seiner.
Peters sprach Englisch, er hatte Jahre vor dem Krieg in England gearbeitet. Es schien ihm nun wie eine Ewigkeit her dieses Leben.
Ein Englischer Offizier bahnte sich den Weg zu ihm hinauf auf das freie Feld.
19.00
An diesem Abend war der Krieg fort. Engländer, Franzosen, Belgier und Deutsche. Alle standen sie zusammen und sangen und spielten. Geschenke wurden ausgetauscht und die letzten Zigaretten zusammen geteilt. Selbst die Toten wurden bedacht und betrauert. Sie wurden begraben. Von allen. Peters schaute sich um, als er durch die Reihen ging. Hier und da hörte er ein Lachen. Etwas, was schon lange nicht mehr an seine Ohren gedrungen war. Ein Offizier fotografierte die Leute zusammen vor dem Weihnachtsbaum. Deutsche in den Gräben der Feinde. Engländer in den Gräben der Deutschen. Soldaten spielten Fußball. Zusammen…
Ohne Tod, ohne Gewalt. Peters steckte sich eine Zigarette an und zog zusammen mit dem Qualm die kalte Luft tief in seine Lunge ein. Das Kratzen in der Lunge überzeugte ihn, das er noch lebte. Er hustete und lachte. Leben!
An diesem Abend schliefen die Soldaten ein mit dem Wissen, das Morgen der Tod sie nicht ereilen konnte. Denn ihrer aller Tod lag in Form eines Freundes eines Kameraden neben ihnen.
Was Kenneth Henderson, Major des britischen Expeditionskorps, am 25. Dezember 1914 im nordfranzösischen Richebourg beobachtete, war der Alptraum aller Offiziere und der Traum aller Pazifisten: “Ich fand das gesamte Niemandsland besetzt von einer Menschenmenge; unseren Leuten und den Deutschen, alle durcheinander, in freundlicher Unterhaltung.”
26. Dezember 1914
Peters lass den Brief des Boten aufmerksam durch.
Und obwohl er den Brief erwartete, musste er ihn mehrmals durchlesen, um die einfache Tatsache zu begreifen, sie sich zu verinnerlichen.
Der so tief greifende Frieden für diese wenigen Stunden seit dem Abend des vierundzwanzigsten war mehr Wert als ein Urlaub in der Heimat.
Und sie standen nicht allein. Überall an der Westfront soll es dazu gekommen sein. Überall gab es eine Verbrüderung gegen den verhassten Feind.
Und in jedem Hauptquartier fällte man dieselbe Entscheidung. Dieses habe sofort aufzuhören, ansonsten werde man die Schuldigen standesgemäß als Verräter erschießen. Welch bitterer Nachgeschmack diese Zeilen einem hinterlassen. „Feldwebel!“ seine Stimme klang fest. „Bitte begleiten sie mich…“ Es war Frieden für nur 72 Stunden. Und doch haben diese bewiesen, dass die Menschlichkeit selbst in diesen Tagen überleben kann.
Am zweiten Weihnachtstag teilte eine sächsische Einheit zwischen Armentières und Lille den Briten mit: “Gentlemen! Unser Oberst hat befohlen, ab Mitternacht das Feuer wieder aufzunehmen. Es ist uns eine Ehre, Sie darüber zu informieren.”
